Neues aus Haiti

Auszüge aus der Mitteilung der Generaldelegation ATD Vierte Welt vom 28. Januar 2010

Postierter Artikel die 3. Februar 2010 Print Friendly

Neues aus Haiti

Wir sind täglich im Kontakt mit unserem Team und weiteren Mitgliedern der Bewegung in Haiti. Wir rufen sie meistens um 6 Uhr morgens an, wenn ihr Tagwerk beginnt. Manchmal erreichen wir sie auch am Nachmittag. Sie sind dann umgeben von Familien aus den Armenvierteln. Wir hören, wie sie sich miteinander besprechen und spüren, wie sehr sie das Leben miteinander teilen. Oder sie sind unterwegs, manchmal zu einer Sitzung mit internationalen Hilfswerken oder mit lokalen Gruppierungen, immer mit dem Ziel, den Familien, die sich ausserhalb der Verteilungsnetze der Katastrophenhilfe befinden, Zugang zu verschaffen zu der Hilfe, die sich im Aufbau befindet. Wir sind beeindruckt zu sehen, wie sie gleichzeitig den Aufbau einer Zukunft für alle und mit allen verfolgen.

Gestern sagte uns David, dass er mit zwei amerikanischen Ärzten des International Medical Corps ins große Armenviertel Grande Ravine ging. (Es ist an einem Abhang gelegen.)
Die Ärzte trafen Vorbereitungen, um dort für einige Wochen eine mobile Klinik einzurichten. Je höher sie stiegen, desto schlimmer zeigte sich ihnen das Ausmaß der Verwüstungen.
Es ist eines der am meisten zerstörten Quartiere der Stadt“, sagte er uns, “es gibt keine Häuser mehr und keine Straßen, alles ist zusammengebrochen, man kann sich im Schutt kaum vorwärts bewegen. Hoffentlich kommt diese Klinik hier zustande, sie ist dringend notwendig, viele Leute haben seit dem Erdbeben noch keine medizinische Hilfe erhalten. Viele Kinder, die seit Tagen nichts gegessen haben, sind in einem schlimmen Zustand.

Die ATD-Mitglieder suchen den Kontakt zu allen Familien, die sie über ihre Projekte kennen. Sie erkundigen sich nach ihnen und wer Hilfe braucht. Sie helfen ihnen, an sichere Verteilorte von Nahrungsmitteln zu gelangen.
Die Teammitglieder berichten uns auch, wie sie sich bemühen, in einem Auffanglager einen Platz herzurichten, um sich dort um die kleinen Kinder zu kümmern. Zusammen mit Eltern und Kindern wollen sie die Projekte zum „Wissen teilen“ weiterführen, die sich seit Jahren in den Armenvierteln dank der Anstrengungen der Bewohner entwickelt haben. (Schon zwei Tage nach dem Erdbeben dachten sie daran, das Projekt „bébés bienvenus“ für Mütter mit Kleinkindern so bald wie möglich wieder aufzunehmen!)

Eines der ersten Empfangszentren, das in der Nähe des Quartiers eingerichtet wurde und wo die Bewohner vertrauensvoll hingehen, ist dasjenige von Fokal, einer haitianischen Partnerorganisation von ATD Vierte Welt. Wir haben im Februar 2008 an der Universität von Port-au-Prince zusammen ein Kolloquium über die Sicht von Joseph Wresinski auf Demokratie und extreme Armut durchgeführt. Heute stehen wir gemeinsam der Herausforderung gegenüber, dass allen betroffenen Familien Rechnung getragen wird und sie als Partner zählen sowohl in dieser ersten Etappe der Nothilfe als auch beim Wiederaufbau in den kommenden zehn Jahren (wie von den Regierungen und Organisationen an der Konferenz in Montreal angesagt).
Dank der Beziehungen von ATD Vierte Welt in Haiti und mit Oxfam in Großbritannien verfügen wir über solide Grundlagen für eine langfristige Zusammenarbeit.

Wie auch andere Organisationen, insbesondere die FAO, sieht unser Team den Auszug zahlreicher Bewohner aus der Hauptstadt aufs Land mit Besorgnis: Wie wird man auf dem Land diesen Bevölkerungszuwachs verkraften können? Was für großzügige und weitsichtige Programme müssen zu seiner Unterstützung ausgedacht und auf die Beine gestellt werden? Die ATD-Geschichte in Haiti hat „draußen auf dem Land“, in der Provinz, angefangen. Unser Team überlegt bereits, wie jemand diesen Exodus aufs Land hinaus begleiten könnte, um – auch in Zusammenarbeit mit anderen – darauf zu achten, dass jene, die es wünschen, Arbeit in der Landwirtschaft oder andere beim Wiederaufbau ihrer Stadt finden können.

Mit dem Team haben wir eine erste personelle Verstärkung zur Unterstützung seiner Strategien beschlossen:
- große Nähe zu den Not leidenden Familien wahren
- Zugang zur medizinischen Nothilfe schaffen
- mit haitianischen und internationalen Partnern, die sich ebenfalls um das Schicksal abseits gelassener Familien kümmern, gemeinsame Anstrengungen verstärken
- beim Aufräumen und Wiederaufbauen mithelfen
Am 2. Februar wird eine erste Gruppe von langjährigen ATD-Volontären (wovon die meisten früher schon einen mehrjährigen Einsatz in Haiti oder der Region geleistet haben) für einige Monate nach Haiti abreisen. Eugen Brand (Generaldelegierter der Internationalen Bewegung ATD Vierte Welt) wird für zwei Wochen dabei sein.

Diese Gruppe wird dem Team dringend benötigtes Material mitbringen: Medikamente, Werkzeuge, Zelte, Matratzen, Satellitentelefon, einen Koffer zur Gewinnung von Sonnenenergie.
Das Team bat uns auch um schöne Bücher, Malutensilien und Spielsachen für die Kleinen.
In den kommenden Wochen und Jahren werden weitere Bedürfnisse hinzukommen…

Solidaritätsbotschaften für Haiti erreichen uns aus aller Welt. Auch in Armenvierteln bringen Bewohner ihre Beiträge! Kinder in den Straßenbibliotheken und bei Tapori-Treffen machen Zeichnungen. Ein Mann aus Spanien, der selber viele Jahre obdachlos war, sagt: „ Was mir Hoffnung gibt, das ist, dass die Menschen in Haiti jeden Tag von Neuem aufstehen!

Die Kommunikation mit Haiti ist immer noch sehr erschwert. Das Team kann noch keine E-Mails abrufen. Deshalb bitten wir Euch, vorläufig noch alle Mitteilungen, die Ihr an das ATD-Team in Port-au-Prince richten wollt, an uns zu senden.

Wir möchten Euch ermutigen, unsere Informationen möglichst vielen Leuten weiterzusenden, damit wir ein dauerhaftes Unterstützungsnetz schaffen können. Regen wir weiterhin Solidaritätsaktionen an, damit wir einen Fonds zur Finanzierung der heutigen und der langfristig zu entwickelnden Projekte bilden können.

Méry sur Oise, 28. Januar 2010

Eugen Brand, Isabelle Perrin, Diana Skelton
Generaldelegation der Internationalen Bewegung ATD Vierte Welt