Richtlinien für die Wissens- und Kompetenzenverflechtung mit Menschen in Armut und sozialer Ausgrenzung

Postierter Artikel die 20. April 2009 Print Friendly
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Richtlinien für die Wissens- und Kompetenzenverflechtung mit Menschen in Armut und sozialer Ausgrenzung

Darlegung der Beweggründe

Die Armutsbekämpfung betrifft verschiedene Akteure in unterschiedlichen und ungleichen Stellungen. Auf der einen Seite entwerfen Politiker, akademische Forscher, Spezialisten in den Institutionen meistens gutgemeinte Lösungen auf Grund ihrer Analysen der Armutsursachen. Sie besetzen im vornherein eine vorteilhafte Position. Auch wenn sie nicht über eine gemeinsame Identität verfügen, nicht homogen sind, werden wir sie in dieser Charta einheitlich „Akademiker oder Fachleute“ nennen.

Auf der anderen Seite, werden in der Welt der Armut, Frauen und Männer zu oft nur unter dem Blickwinkel dessen, was ihnen fehlt und welche Bedürfnisse sie haben, wahrgenommen und werden gebeten, an den Lösungen, die sich andere für sie ausgedacht haben, mitzuarbeiten. Von vornherein nehmen sie eine untergeordnete Stellung ein. Wir werden sie in dieser Charta kollektiv „armutsbetroffene Personen“ nennen, obwohl sie natürlich keine einheitliche Identität haben.

Die „Akademiker oder Fachleute“ erwerben aufgrund ihrer Ausbildung oder ihrer Arbeitsumgebung Fähigkeiten zum Ausdruck, zur Formulierung, Abstraktion und Intellektualisierung. Wir wissen alle wie viel Macht diese kulturellen Fähigkeiten denjenigen geben, die sie beherrschen. Sie verfügen über ein gesellschaftlich anerkanntes, kommunizierbares Wissen, das über die Zeit hinweg aufgebaut wurde. Sie kennen die Spielregeln. Aufgrund ihres Status und ihrer Funktionen haben sie die Macht zu handeln, zu steuern und zu entscheiden.

Umgekehrt erhält das Wissen der Armutsbetroffenen, das vor allem auf ihren Lebenserfahrungen basiert, von vornherein keine Anerkennung. Diese Personen erleben es oft, als Objekte behandelt zu werden, als Gegenstände von Verfahren, Entscheidungen, Massnahmen, Reglementen..., manchmal als Objekte der Fürsorge, aber trotzdem als Objekte. Die Nichtmiteinbeziehung der betroffenen Menschen ist eine der Ursachen für Misserfolge der politischen Armutsbekämpfung.

Die Vorbedingung für den Kampf zur Überwindung der Armut und Ausgrenzung ist es, die armutsbetroffenen Personen als vollwertige Akteure anzuerkennen. Sie anerkennen heisst, ihre Lebens- und Erfahrungswissen anzuerkennen, ohne welches die anderen Wissensarten (wissenschaftliche, praktische) unvollständig und darum langfristig ineffizient oder gar kontraproduktiv sind.
Auf Joseph Wresinski, den Gründer der Bewegung ATD Vierte Welt, und auf die von ihm initiierte Vorgehensweise gestützt, wurden in zwei Forschungs-, Handlungs- und Ausbildungsprogrammen unerlässliche Bedingungen für die Wissens- und Kompetenzverflechtung erprobt.
- Quart Monde – Université (Vierte Welt – Universität)
- Quart Monde Partenaire (Vierte Welt Partner)

Diese Programme wurden vom Forschungs-und Bildungsinstitut für zwischenmenschliche Beziehungen der Bewegung ATD Vierte Welt in Zusammenarbeit mit Universtäten und Forschungsinstituten in Frankreich und Belgien [1] auf die Beine gestellt.

Im Anschluss an diese Programme wurden diese Bedingungen in Aus- und Weiterbildungen mit „Akademikern oder Fachleuten“(aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Sozialarbeit...) und „armutsbetroffenen Personen“ (Mitgliedern von Organisationen, die sich für die Armutsbekämpfung einsetzen) auf Probe gestellt. Es handelt sich um gegenseitige Bildung, welche die Methode der Wissens- und Kompetenzverflechtung verwendet [2].

A. Die Grundvoraussetzungen für die Wissens- und Kompetenzverflechtung

Das Vorgehen der Wissensverflechtung kann auf gar keinen Fall mit einem einfachen Vorstoss zur Partizipation der armutsbetroffenen Bevölkerungen gleichgesetzt werden.

  1. sich einer nötigen Veränderung bewusst sein
    Armut und Ausgrenzung sind kein unabwendbares Schicksal. Die Unzufriedenheit mit den sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Verhältnissen bringt den Willen zur Veränderung mit sich. Diesen Willen zu haben und ihn auch bei anderen anzuerkennen ist eine Grundvoraussetzung der Verflechtung.
  2. Jeden und jede als Wissensträger anerkennen
    In Armut und sozialer Ausgrenzung lebende Personen leiden nicht nur unter Entbehrungen und haben Bedürfnisse, die gestillt werden müssen; sie haben auch ein Wissen einzubringen. Wenn das Wissen ihrer Erfahrungen mit anderem Wissen verflechtet wird, zeigt sich ihre Fähigkeit, Distanz zu nehmen und zu reflektieren. Diese Verflechtung erzeugt vollständigere Kenntnisse, die der Realität besser entsprechen.
  3. Nicht alleine sein
    Jede Person eignet sich durch ihr eigenes Leben Erfahrung an. Wenn die persönliche Erfahrung nicht mit anderen Angehörigen eines sozialen Kreises oder einer Berufsgruppe diskutiert werden kann, bleibt dieses Wissen zerbrechlich. Es ist die Zugehörigkeit zu einem sozialen Kreis oder einer Berufsgruppe, die das Wissen, das jeder hat, festigt und zusammenträgt.
    Das bedeutet, dass die armutsbetroffenen Personen nicht isoliert bleiben dürfen, um an einer Wissens- und Kompetenzverflechtung mit ‘Akademikern und Fachleuten ‘ teilnehmen zu können. Sie müssen sich mit anderen Personen, die ähnliche Lebensumstände kennen, zusammenschliessen können und sie brauchen Raum, um nachzudenken, um sich auszudrücken und zum Gespräch.
  4. Zusammen ein Forschungsteam bilden
    Es ist wichtig dass alle Teilnehmenden eine Haltung als MitforscherInnen, MitausbildnerInnen, MitakteurInnen einnehmen, um die Fragen einzukreisen, die Problematik aus ihnen herauszuarbeiten und nach gemeinsamem Verständnis und nach Wegen zu Veränderungen zu suchen. Die Forschung wird also gemeinsam geleitet.

B Die Voraussetzungen für die Umsetzung der Wissens- und Kompetenzverflechtung

  1. Effektive Beteiligung von armutsbetroffenen Personen
    Die erste Bedingung für die Verwirklichung der Wissens- und Kompetenzverflechtung ist die effektive Beteiligung der armutsbetroffenen Personen am ganzen Prozess. Es soll sich nicht um eine punktuelle Beteiligung handeln, in der sie über ihre Erfahrungen in Form eines Vortrages, Videos oder Textes berichten.
    Auf keinen Fall dürfen andere Akteure sie ersetzen, in ihrem Namen, stellvertretend für sie reden, indem sie sich auf ihre Kenntnis der Welt der Armut und Ausgrenzung, oder ihre Nähe zu dieser, stützen.
  2. Voraussetzungen für die Autonomie der verschiedenen Wissensarten schaffen, damit sie in eine wechselseitige Beziehung gebracht werden können
    Unabhängigkeit und Gegenseitigkeit sind nicht geläufig in der Beziehung zwischen „Akademikern oder Fachleuten“ und armutsbetroffenen Personen.

    - keine Abhängigkeitsbeziehung
    Um eine Wissens- und Kompetenzverflechtung zu verwirklichen, müssen die Arbeitsgruppen so zusammengestellt werden, dass die Mitglieder nicht voneinander abhängig sind. Um die Gedanken- und Ausdrucksfreiheit von allen zu gewahren, sind Fachpersonen einer Dienststelle nicht mit ihren Klienten in einer Arbeitsgruppe – zum Beispiel Lehrpersonen nicht mit den Eltern eines ihrer Schülers, Ärzte nicht mit ihren Patienten und Sozialarbeiter nicht mit ihren Klienten.

    - Referenzgruppe, Akteurengruppen Jeder Akteur der Wissens- und Kompetenzverflechtung hat seine eigene Angehörigkeitsgruppe als Referenz (Akteure aus der Welt der Armut, Akteure von Organisationen, Akteure aus der Fachwelt, akademische Akteure...). In ihrer jeweiligen Gruppe bekommt jede Person Sicherheit, Freiheit, Zeit, um seine eigenen Gedanken zu entwickeln, bevor es an die Verflechtung geht. Andererseits verlangt das Verständnis und die Rezeption des Wissens Reifung und Erklärung. Dieser Raum und die Zeit in den Akteurengruppen ermöglichen den Teilnehmenden, einen eigenen Zugang zu den Fragen der anderen zu finden, eigene Fragestellungen zu formulieren, ihr eigenes Expertenwissen zu entwickeln.
  3. Einen Raum des Vertrauens und der Sicherheit schaffen
    Die Wissens- und Kompetenzenverflechtung ist nur möglich, wenn jeder und jede seinen Partnern und dem Rahmen der Diskussionen vertrauen kann und sich mit ihnen in Sicherheit fühlt.

    - In einer Art Vertrag sollen Regeln für die Sicherheit und die Vertraulichkeit der mündlichen und schriftlichen Beiträge festgehalten werden. Insbesondere alles, was die armutsbetroffenen Personen sagen, ist oft das Resultat von langen Leidenserfahrungen und Bemühungen; und die Personen befinden sich immer noch in einer sehr unsicheren Situation Sie müssen geschützt werden, unter anderem durch die Vertraulichkeitsregelung. Diese gilt auch für die Beiträge der „Akademiker oder Fachleute“, die ausserdem auch noch dem Berufsgeheimnis unterstehen.

    - des Weitern beinhaltet der ethische Rahmen eine gewisse Anzahl Regeln für den Dialog zwischen den Personen: Aktives Zuhören; Respektieren, was die anderen sagen; Bereitschaft, sein eigenes Wissen kritisch zu hinterfragen, Überzeugung, dass sich das Wissen ständig wandelt und weiter entwickelt.
  4. Bedingungen des Austauschs und exakte Arbeitsweise garantieren
    Es ist eine Tatsache, dass Personen in ungleichen Stellungen am Prozess der Wissens- und Kompetenzverflechtung beteiligt sind. Es wäre ein Fehler, so zu tun als ob sich alle Teilnehmenden in einer ebenbürtigen Position befänden, obwohl dies nicht der Fall ist. Den Austausch zu ermöglichen heisst also, Bedingung für die Gleichberechtigung im Austausch aufzustellen. Das ist die Rolle eines pädagogischen Teams oder eines Animationsteams. Es soll sich aus Mitgliedern, welche die Armutsbetroffenen, ihre Schwierigkeiten und die ihnen verfügbaren Mittel dank jahrelangem, persönlichem Kontakt mit ihnen gut kennen und aus Mitgliedern aus dem Bereich der „Akademiker oder Fachleute“ zusammensetzen.

    - gegenüber den armutsbetroffenen Personen
    Die Rolle der Animatoren ist es, den armutsbetroffenen Personen zu helfen, sich in eigenen Worten auszudrücken, ohne sich an ihre Stelle zu setzen, ohne ihnen zuzuflüstern, was sie versuchen zu sagen. Es handelt sich darum, Bedingungen zu schaffen, in denen sie selbst ihr Wissen festigen können: Abstand nehmen und ihre Lebenserfahrungen nochmal durchdenken, sie anderen gegenüberstellen, um daraus verallgemeinerbare Lehren ziehen zu können, sie in ihren Bemühungen, die anderen Akteure zu verstehen unterstützen. Zur Rolle der Animatoren gehört auch die Begleitung der armutsbetroffenen Personen vor und nach den Treffen, damit sie mit ihrem Lebensmilieu in Verbindung bleiben.

    - Gegenüber den „Akademikern oder Fachleuten“
    Auch die „Akademiker oder Fachleute“ stossen beim mündlichen und schriftlichen Ausdruck auf Schwierigkeiten. Da sie es sich gewohnt sind, mit Berufskollegen zu arbeiten und zu kommunizieren, tendieren sie dazu, abstrakte Formulierungen zu verwenden, die nur für Eingeweihte verständlich sind. Die Rolle der Animatoren ist es, ihre Gedanken kommunizierbar zu machen und sie in ihrem Bemühen, die Beiträge der armutsbetroffenen Personen zu verstehen, zu unterstützen. Eine weitere Aufgabe ist es, Verständnis zu wecken für den unterschiedlichen Rhythmus und den notwendigen Zeitaufwand.

    - Die Verflechtung animieren
    Die Aufgabe der Animatoren ist es, dafür zu sorgen, dass sich alle äussern können, verstanden werden und die Redezeit jeder Person respektiert wird. Damit ihnen das gelingt, entscheiden sie sich dafür, den Beiträgen der armutsbetroffenen Personen besondere Beachtung zu schenken.
  5. Eine Methodik für die Wissens- und Kompetenzenverflechtung erschliessen
    Die Wissens- und Kompetenzenverflechtung ist ein Bauwerk wofür Werkzeuge und Pfeiler benötigt werden, sowohl im Bereich der Forschung als auch in der gegenseitigen Weiterbildung. Das pädagogische Team ist für die eingeführte Methodik, die es den Umständen anpasst, zuständig. Die Fundamente der Methologie sind folgende:

    - Die Erfahrung jedes und jeder einzelnen
    Der Bericht von konkreten Erfahrungen ermöglicht es, allen Teilnehmenden die gleiche Diskussionsbasis zu geben. Diese Tatsachenberichte richten den Blick auf erlebte Situationen, wo es zur Interaktion zwischen den armutsbetroffenen Personen und den „Akademikern oder Fachleuten“ kommt.

    - Der Rythmus und die Dauer
    Während des Austausches muss jeder merken können, dass sein eigener Verständnis- und Ausdrucksrythmus respektiert wird. Momente des Schweigens müssen respektiert werden, jede Person muss die Möglichkeit haben, auszureden, gemeinsam muss der Sinn der Worte verstanden werden. Während des Austausches werden auf beiden Seiten manchmal Spannungen auftauchen, die Rückkehr in die Akteurengruppen ermöglicht es, den nötigen Abstand zu gewinnen.
    Eine längere Dauer ist eine notwendige Voraussetzung für ein gründliches Arbeiten. Es braucht sie, um Vertrauen aufzubauen, den Dialog aufzunehmen, die Erfahrungsberichte zu analysieren, zu verstehen, was der andere sagen will, seine eigenen Interventionen vorzubereiten. Die Dauer hängt von den gesetzten Zielen ab, aber auf jeden Fall braucht es Zeit zur Reifung.

    - Gemeinsames Bauen
    Die Bemühungen, denen alle zustimmen, um an der Wissens- und Kompetenzenverflechtung teilzunehmen, werden motiviert durch die Transparenz der angewendeten Prozeduren und durch das allen bekannte angestrebte Ziel, die Interaktionen zwischen den armutsbetroffenen Personen und allen anderen BürgerInnen (ob Fachleute, VertreterInnen von Institutionen, AkademikerInnen, GewerkschafterInnen, PolitikerInnen...) zu verbessern. Die Differenzen zu identifizieren ist eine absolut notwendige Etappe. Ohne Auseinandersetzung kein gemeinsames Bauen. Der beste Weg, die unterschiedlichen Gesichtpunkte einander gegenüberzustellen, ist, sich in einem gemeinsamen Werk zusammen zu engagieren.

Wissen „verflechten“ ist nicht gleich Wissen „addieren“. Im Laufe des Prozesses entwickelt sich bei jedem in seiner Stellung mehr Verständnis für die Welt und den Platz, den er darin einnehmen kann. Verflechten heisst, sich zu konfrontieren, das bedeutet sich dem Wissen und der Erfahrung der anderen auszusetzen, um den Wert des gemeinsamenWissens zu erhöhen.

Die Herausforderung ist nicht nur, ein besseres Verständnis füreinander zu entwickeln, sondern auch eine dauerhafte partizipative Demokratie zu verwirklichen, in welcher armutsbetroffene Personen vollwertige und aktive Gesellschaftsmitglieder sein können.

[1Université de Formation Européenne de Tours et la Faculté Ouverte de Politique Economique et Sociale et l’Institut Cardijn à Louvain-La-Neuve.

[2Auf Französisch wurde dafür die Bezeichnung „co-formation“ eingeführt